Mittwoch, 16. Februar 2011

milchreis, kühlschrank, landmanns und die kuh macht muh

Und die Kuh macht MUH
Mama Muh. Symbol einer populistischen Tierschutzdebatte?
Eben lese ich in der Wochenzeitung die Ankündigung eines Vorlese-Nachmittages für Kinder in der Stadtbibliothek: Mama Muh kann schaukeln. Aber ob Mama Muh auch Schlitten fahren kann, wo doch Kühe im Winter im Stall stehen? Aber klar doch, denn: ein bisschen Spaß muss sein. Und da wird Mama Muh sich schon was einfallen lassen.

Die Bücher von Jujja Wieslander sind schöne Bücher. Inzwischen gibt es auch einen Film über Mama Muh, die fröhliche und liebenswürdige Kuh.

Wenn ich meinen Töchtern vorlese, spielen Tiere eine Hauptrolle. Mal ist es eine sprechende Rattengang, mal Hasen, dann wieder Elefanten. Kurz gesagt: unsere Kinder wachsen mit Tieren auf. Sie freuen sich über den Affen Coco, lachen und weinen mit Schweinchen Babe. Tierbilder hängen an allen Wänden in so einem Kinderleben. Wir haben Katzen. Man sagt, daß Kinder durch Tiere ein humaneres Sozialverhalten erlernen. Wir haben Fische. Blubb. Und wir haben sogar zwei Pferde. Uiiihihihi.

Meine große Tochter erzählte mir am letzten Wochenende von einem seltsamen Traum. Es ist wirklich wahr. Sie träumte, daß Menschen und Tiere die Rollen tauschen. Die Tiere wurden in ihrem Traum zu Menschen. Sie wandelten sich, begannen zu sprechen, bewohnten schließlich unser Haus. Wir Menschen dagegen wurden kleiner und kleiner. Und schließlich waren wir die Haustiere der Tiere. Das besondere – und unglaublich für die Gedanken eines zehnjähriges Mädchens war: wir Menschen wurden von den Tieren so behandelt, wie wir zuvor Tiere behandelten. An dieser Stelle jedoch brach er ab, der Traum.

Nun wird der Leser abwinken und sagen: „Den Traum glaub ich nicht. Der ist doch nur konstruiert für diesen Beitrag.“ Das kann ich dem Leser nicht verübeln. Doch was soll ich machen? Schwören? Sie hat es tatsächlich so geträumt.

Meine Töchter bekommen in diesen Tagen die Debatte um den Tierschutz mit. Natürlich berichte ich von der erhitzten Diskussion um meinen letzten Blogbeitrag „Veganer sind auch nur Menschen“. Das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Sie machen sich viele Gedanken. Sie lieben Tiere. Für meine Töchter ist die Debatte vor allem eins: Ein Erwachen aus der Illusion einer heilen Welt.

Und die Kuh macht Muh.
Die Kuh macht immer nur Muh.
Nur in Büchern kann sie sprechen. Nur in Filmen kann sie lachen, nur als Plüschtier ist sie kuschelig.

Ich blättere weiter im Rundblick. Auf Seite 46 stoße ich auf den Artikel eines Möbelhauses. Dort wird stolz berichtet, daß etwa die die Hälfte aller Polstermöbel des Hauses mit Leder bezogen sind. Weiter liest man, daß für eine große Möbelgarnitur bis zu 7 Häute von Rindern verarbeitet werden. Muh. Muh. Muh. Muh. Muh. Muh. Muh.

So ist das Leben nun mal, denke ich.
Kühe sind Nutztiere.
Zeichentricktiere sind Zeichentricktiere.

Nutztiere
Nutztiere
Nutztiere

Manchmal wandelt sich im Kopf die Bedeutung eines Wortes, wenn man es oft hintereinander wiederholt.

Nutztiere
Nutztiere
Nutztiere

Nutztiere sind Tiere, deren Zweck es ist, genutzt zu werden. Das lasse ich stehen. Das ist nun mal so. Und außerdem sehen es alle so. Muh.

Nutztiere

In Hof Butenland im kühlen Ostfriesland lebt Mama Muh. 22 Jahre ist sie alt. 22 Jahre. Hof Butenland nennt sich das Altersheim der Tiere. Dort dürfen Tiere leben. Leben. Dort hat jedes Tier einen Namen. Dort stirbt jedes Tier einen natürlichen Tod.

Nutztiere

Ich habe heute eine unglaubliche Zahl gehört. 12.000.000.000.
12 Milliarden Tiere pro Jahr geben in Deutschland ihr Leben für uns Menschen.

Nutztiere

Ich habe meinen Töchtern nicht von dieser Zahl erzählt. Ich weiß gar nicht, ob sie in der Lage sind, die monströse Dimension dieser Zahl zu erfassen. Doch wenn sie es könnten, wenn sie begreifen könnten, was dies bedeutet, wenn sie verstehen würden, wie entsetzlich diese Zahl ist, dann frage ich mich: Darf ich ihnen überhaupt davon erzählen? Kann ich es verantworten? Ich weiß gar nicht, was diese Zahl in ihren Köpfen auslöst.

Ich habe beschlossen, es nicht zu tun. Sie sollen weiter daran glauben, daß es einigen wenigen Tieren nicht gut geht und man das ändern kann. Sie sollen weiter daran glauben, daß sie mit ihrem freiwilligen Verzicht auf Fleisch etwas Gutes tun für die Welt. Sie sollen weiter daran glauben, daß wir Menschen gutmütig und rücksichtsvoll sind. Ich kann es nicht verantworten, daß sie in den Abgrund des Schreckens sehen.
Ich will meine Töchter nicht weinen sehen.

Und dann schickt meine Frau unsere Töchter ins Bett und ich beginne zu schreiben.

Und während ich eben noch mit meinen Kindern gelacht und rumgealbert habe, ziehe ich aus der Schublade ganz tief unten in meinem Seelenschrank die schrecklichen Bilder und Zahlen wieder hervor.

Es sind grausame Tage. Tage des Erwachens.
Es sind Tage eines wunden Gewissens.

In diesen Tagen weint mein Herz.
Es weint aus Scham für die Jahre des Wegsehens.
Es weint um die Schwäche wenn ich im Markt zu Tieren griff.
Es weint um die Sinnlosigkeit unserer menschlichen Belanglosigkeiten.
Beulen im neuen Auto. Pffff.
Es weint, weil ich glaubte, ein guter Mensch zu sein.
Es weint, weil wir zu Monstern geworden sind.
Es weint, weil wir es nicht gemerkt haben.

Und dann betrachte ich meine Hände und streiche darüber, verschwommen von den Tränen sehe ich die weiche Haut und frage mich: wer bin ich? Wer Bin Ich? WER BIN ICH? WEM GEHÖREN DIESE HÄNDE?

In diesen Tagen weint mein Herz um die Seelen meiner Töchter.
Ich will nicht, daß ihre Seelen bluten.

Und während in diesen Tagen lachenden Kindern von Mama Muh erzählt wird, lehnt ein öffentlicher Sender eine Videodokumentation einer Tierschutzorganisation ab. Sie zeigt, wie in einem Schlachthof Rindern bei vollem Bewusstsein die Bäuche aufgeschnitten und Ohren und Füsse abgeschnitten werden. Man kann diese Bilder uns Fernseh-Zuschauern nicht zumuten.

Und während in diesen Tagen immer mehr Menschen der Schrecken unseres Konsums bewusst wird, verkündet das statistische Bundesamt in einer nüchternen Meldung, daß im letzten Jahr in Deutschland ein neuer Schlachtrekord aufgestellt wurde. 302.000.000 Kilogramm MEHR Fleisch als im Vorjahr.

Und während in diesen Tagen in der Bundesregierung das neue Tierschutzpaket diskutiert wird, ein Paket das im Angesicht des Ausmaßes der Gräuel beschämend geringe Fortschritte enthält, braust wütender Widerstand der Agrarindustrie auf: „Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass sich ein Fachministerium auf eine populistische Tierschutzdebatte einlässt ...“ Der CDU-Bundestagsabgeordnete fügte seiner Äußerung die Drohung an, sich in Berlin gegen das Tierschutzpaket von Ministerin Aigner zur Wehr zu setzen. Und ich rufe leidenschaftlich: Unterstützen Sie das kleine Quäntchen Besserung: http://albert-schweitzer-stiftung.de/tierschutz-aktiv/petitionen/tierschutzpaket

Und während in diesen Tagen in Medien die Verantwortungslosigkeit der Veterinärämter offenbar wird, wird Hof Butenland von einem solchen Amt bedroht. Weil es ein Dorn im Auge eines Staates ist, in dem „Nutztiere“ ausschließlich zum Nutzen für den Verbraucher da sein dürfen. Nicht zum leben. Bei "Nutztieren" greift das Tierschutzgesetz nicht. In diesen Tagen wird Hof Butenland alle Unterstützung brauchen gegen die Arme des tobsüchtigen Staates. Es braucht vor allem gute Juristen, die gegen das Unwort „Nutztiere“ kämpfen und ich rufe diejenigen, die sich das zutrauen leidenschaftlich auf: bitte melden Sie sich bei Hof Butenland!

Und während in diesen Tagen 10.000 Menschen TÄGLICH mitten unter uns an Krankheiten sterben, die auf Fleischkonsum zurückzuführen sind, an Diabetes, Krebs, Herzkrankheiten, Osteoporose, Demenz, verhungern in armen Ländern 30.000 Menschen jeden Tag. Sie verhungern, weil die subventionierte Landwirtschaftspolitik des Westens die in Jahrtausenden gewachsenen landwirtschaftlichen Strukturen in ihren Ländern zerstört hat. Sie verhungern, weil in ihren Ländern das Futter angebaut wird, mit dem wir unsere „Nutztiere“ mästen. Sie verhungern, weil die Monokulturen die Fruchtbarkeit ihrer Böden zerstören. Sie verhungern, damit unser Essen billig wird.

40.000 Menschen jeden Tag. Wegen unseres Tierkonsums. So viel wie in einem schrecklichen Erdbeben, für das es in der ARD tagelang Brennpunkte gibt.

In diesen Tagen will ich kein Mensch mehr sein.

Die Kuh macht Muh. Sie machte schon immer Muh. Seit Millionen Jahren macht sie Muh. Und innerhalb von Jahrzehnten haben wir sie zu unserem Eigentum erklärt. Zum Nutztier.

Wir haben sie für unsere Belange deformiert. Jetzt gehört sie uns. Mit Haut und Haar, mit Knochen und Leber. Zum Dank dafür schenken wir ihr ein Leben in dunklen Ställen und nehmen ihr die Kinder weg, damit wir Menschen die Milch trinken können.

Nutztiere.
Und während ich dieses Wort wieder und wieder in meinem Kopf drehe merke ich, daß wir selbst zu Nutztieren geworden sind. Zu Nutztieren einer außer Kontrolle geratenen Industrie. Zu Hauptnutztieren in einer der dunkelsten Epochen in der Menschheitsgeschichte.

Wir können der Politik nicht mehr vertrauen. Kommissionen, die die Industrie kontrollieren sollen, sind durchsetzt von Vertretern der Industrie. Kein einziges mächtiges Kontrollorgan ist mehr in unabhängiger Hand. Wir können niemandem mehr trauen, der mit der Ausbeutung der Natur Geld verdient.

In diesen Tagen gibt es nur einen, der den Mächtigen die Stirn und dem Grauen ein Ende bieten kann. Und so stehen wir einfachen Bürger vor der wichtigsten Wahl unseres Lebens: Werden wir die entsetzlichen Zustände länger dulden? Werden wir weiter unseren Verstand betäuben lassen, werden wir weiter gedankenlos die Welt konsumieren und uns fett- und krankfressen dabei? Und werden wir die Zukunft unserer Kinder gleich mit verschlingen?

Oder werden wir uns unserer Macht bewusst und entziehen dem furchtbaren Geflecht, das unseren Planeten zerstört, den Boden?

Es wäre so einfach. So unsagbar einfach: Wir dürfen das wuchernde Geschwür nicht mehr füttern. Es ernährt sich von einem puren Stoff, der in kristalliner Form in unseren Taschen steckt: Geld. Hungern wir es doch aus, dieses Monster. Lassen wir die Tierprodukte doch einfach liegen, die unsere Welt zerstören. Erinnern wir uns doch an die Liebe, die die Natur uns schenkt. 12 Milliarden Menschen könnten wir von der derzeitigen Pflanzenproduktion ernähren, wenn wir Tierkonsum verweigern. Wir würden Millionen Quadratmeter Regenwald retten, der dem Tierfutteranbau weichen muss. Millionen Menschenleben. Billionen Tierleben.

Und lernen wir, wieder frei zu sein. Damit wir wieder zu dem werden, was wir einst waren: Geliebte des Lebens.

Nie war es so leicht, die Welt zu verändern.
Nie war es so leicht, uns zu heilen.
Tag für Tag gehen wir an die Wahlurnen.
Sie stehen in unseren Märkten.

Es ist spät geworden.
Meine Töchter schlafen.
Sie sind so schön.
Sie sind so schön.

Muh macht die Kuh in ihren Träumen

Marsili Cronberg
och ja... dem ist nichts hinzuzufügen!
komme vom landmanns 10% einkauf zurück. € 83,- - dafür schaut der kühlschrank nun so aus: 
und von außen übrigens so:
soeben habe ich dann auch noch meine erste vegane süßspeise gekocht (klappt mit sojamilch genauso gut, mit 2 EL rohrohrzucker und dazu noch zimt schmeckts auch richtig lecker!)...


und jetzt betreibe ich noch ein wenig recherchearbeit und will dann unbedingt in "anständig essen" weiterlesen. karen duve hat einen supertollen schreibstil. es ist seltsam ein buch zu lesen und zu meinen, man sei mit der autorin gut befreundet... aber genauso fühlt es sich an...

xoxo & tofu
claudi

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